Samstag, 16. Mai 2015

Allein

Es kommt immer wieder vor, dass es im Konstrukt unserer Beziehung knarrt.
Nichts ist ohne Veränderung. Kräfte der Zeit, Ströme von Außen... All das zerrt regelmäßig ab den Wänden. Und passt man nicht auf kracht auch Mal was zusammen.

Am Sonntag hat es gekrackt. Irgendwo ging etwas kaputt. Eine Stelle der ich längst keine Beachtung mehr schenke gab nach. Über länger Zeit instabil geworden war das passiert was wohl passieren musste.
Das Gebäude wankt.

Ich hatte es nicht einmal bemerkt.
Sonntag Nachts lag ich im Bett. Neben Rose.
Und doch alleine.
Zehn Zentimeter entfernt von ihr konnte ich nichts von ihr Spüren. Keine Wärme, keine Kälte. Nicht mal ihre Nähe.
Allein
Hier stimmt was nicht.
'Ich bin alleine!'
Ruhig lag ich da und lauschte nach ihr.
Atmen, manchmal Rascheln. Wohl war sie da.
Doch ich war allein.

'Was ist passiert?' Mein Kopf raste. Ich hatte keine Ahnung. Mir blieb nur Warten. Der nächste Tag...
Montag Morgens. Es lag etwas in der Luft. Rose kam spät in die Küche. Ein flüchtiges Tschüss schon musste ich gehen. Der Abschied war komisch. Es schien einfacher zu gehen, alleine zu sein anstelle weiter in der Küche zusammen mit Rose und dennoch einsam im Herzen, alleine zu sein.

Ein paar Nachrichten später.
Alles wieder normal. Sie reagiert wie sonst.
Kein Grund mehr für mich darüber nachzudenken woher das Krachen am Sonntag kam.
Dazu blieb mir auch keine Zeit. Es gab genug zu tun. Urlaubsvertretung, neue Projekte, alte Probleme. Im Grunde wie immer, nicht wirklich was Neues.

Ich komme Heim.
Türe auf. Dicke Luft. Wenn ich die schon am Eingang verspüre ist mir klar, ich muss SEHR vorsichtig sein.
Noch weiß ich nicht woran es liegt. Sind es die Kids oder ist es ihr Job? Eines von beiden hat ihr voll zugesetzt. Aber anders als sonst ignoriert sie mich. Meine ersten paar Worte kommen nicht an.
"Hübsch. Schön." ... keine Reaktion!
'Ist sie noch immer...?' Besser mache ich Hausarbeit und gehe ihr aus dem Weg.
Waschen und Bügeln. Bügeln entspannt. Hier kann ich alleine meinen Gedanken nachhängen.
'Was war falsch?' Ich komme nicht drauf.
Ja, irgendetwas scheint deutlich schief gelaufen. Aber noch weiß ich nicht was dieses ist.
Liegt es an mir? Mit an den Kids? Dazu noch ihr Job? Das glaube ich nicht.
Rose ist es immer gelungen die Dinge auseinander zu halten.
So wie sie die Dinge anpackt und wie sie gerade reagiert, liegt es an mir.
An mir allein.
Es wird Zeit mich meiner Lady zu stellen.
Als die Hausarbeit beendet ist gehe ich zu ihr.
Es ist ein warmer Abend.
Sie erwartet mich bereits auf der Terrasse.

"Wie stellst du dir das vor" überrascht sie mich.
"Du machst nichts mehr. Du kümmerst dich nicht mehr um mich. Dir ist es egal wie ich mich anziehe, wie ich aussehe. Liegt dir überhaupt noch was an mir?"
Wo gerade noch Boden war ist ein großes Loch . Ich falle.
Ich suche nach Antworten, nach Gedanken an denen ich mich halten kann.
Ich mache nichts mehr? Naja, ein wenig Wäsche, bisschen Backen, dann noch Bügeln. Früher war es deutlich mehr gewesen. Da hat sie recht.
Aber dass ich mich nicht mehr kümmere, nicht beachte....
Das ist Falsch. Ist es das? Sicherlich war das auch schon deutlich mehr...
"Dir geht es nur noch um den Sex. Um nichts anderes mehr."

Schnipp
Der letzte Gedanke war ab. Alles woran ich mich gerade noch geklammert hatte gab es nicht mehr. Es gab nichts mehr. Das war brutal.
Ich falle.
Bodenlos.
Alleine

Ich saß da.
Ich schaute ins nichts.
Meine Gedanken kreisten um irgendetwas das ich nicht packen konnte. Kein einziger klarer Gedanke, der mir half mich aufzurichten.
Meint sie das ernst?
Nur um Sex?

Alles andere schien wohl schon lange unerreichbar zu sein. Sah sie mich so?
"Es ist wie früher. Nur das ich beim deinem Sex bestimme."
Hier war Schluss.

Das war das Letzte was wir sprachen.
Ich war nicht in der Lage zu antworten.
Ich konnte nicht. Mir fehlten Worte, fehlten Gedanken.
Was war in den letzten Wochen geschehen?
Was in den letzten Tagen?
Was war am Sonntag?
Was ging kaputt?

Es dauerte gut dreizig Minuten bis ich mich erhob. Noch immer nicht in der Lage klar zu denken. Noch immer fiel ich.
Wolke sieben ist wirklich hoch.

"Ich gehe ins Bett. Gute Nacht" verabschiedet ich mich von...
War das Rose oder Blume? Wo waren wir?
Mir war kalt. Ich war allein. Alles Sex?
Das wollte ich nicht. Ich wollte es nicht und ich konnte Rose nicht verstehen. Egal was vorgefallen war. Aber ich mach das nur wegen dem Sex, meinem! Sex ist so was von verkehrt.
Das erste Mal seit drei oder vier, fast fünf Jahren schlief ich wieder mir Slip.
Mir war danach.
Mir war nicht nach Nackt.
Nicht nach Sex.
Ich war alleine. Alleine brauchte ich nichts.

Morgens früh um Sieben.
Im Büro klingelte mein Telefon.
"Ich liebe dich doch auch."
Ich liebe dich hatte ich ihr geschrieben. Einen Brief. Was mit mir ist. Warum ich gestern nicht antworten konnte. Bin Bodenlos. Muss zu mir finden.
Aufgestanden dann Toilette. Kein Kuscheln bei ihr. Gleich Anziehen, Brief schreiben und so früh es nur ging raus aus dem Haus.
Abends die Flucht ins Bett um am nächsten Morgen in die Arbeit zu flüchten.
"Mache mir Sorgen. Wenn du sogar dein Phone Zuhause lässt."
Kein Kontakt. Kein Whatsapp. Keine Mails. Kein Internet.
Ich wollte nicht einmal in Versuchung kommen.
"Wir reden am Abend."

Rose hatte recht mir dem was sie meinte.
Jedoch die Art wie, die tat mir weh.
Es ist nicht einfach in den Spiegel zu schauen.
Vor allem wenn dazu jemand anderes den Spiegel vorhält.


Vom Rosenzüchtling

Montag, 11. Mai 2015

Bald

Rolf ist da.
Am Muttertag steht er mit Blümchen vor der Türe.
"Schön dich zu sehen" umarme ich ihn, "Danke für das Blümchen."
"Die ist nicht für dich. Die ist für die Herrin des Hauses."
Langsam macht er mir Angst. Eigentlich weiß er nichts. Aber seine Bemerkungen treffen immer öfters. Und ich muss Abstand mit IHM halten. Rolfs Bemerkung scheint für IHN interessant.
"Hallo, die Mutter" deutet er mein Zögen falsch, "Wo ist die Mutter?"
"Hinten, Terrasse. Kaffee?"
"... und Kuchen, ja." schon ist er draußen.

Ich mache Kaffee.
Bei ihm brauche ich nicht zu fragen. Ebenso wenig Roses Bruder. Jedoch hatten wir erst vor kurzem gegessen. Gegrillt. Besser gesagt wollte der Jüngste am Muttertag smoken.

Hat lange gedauert, von Morgens um Acht bis Mittags um Vier. Frühstück fiel aus. Hatte mich mehr geärgert als Rose selbst...
Jedoch der Braten war letztlich genial.
... ach ja Rolf.

"Willst du auch" frage ich Rose als ich Rolf sein Stück Rhabarberkuchen serviere.
In dem Wissen, bei dem Kuchen sagt sie nur ganz ganz selten Nein warte ich die Antwort nicht ab, serviere auch ihr ein Stück um danach den Kaffee nach draußen zu bringen.

"Das ist lieb" bedankt sich Rolf.
Ich schaue auf sein Haupt. Kahl. Bald wie immer. Breiter Scheitel mit dazwischen viel Haut.
"Ui, du hast aber schon ordentlich Farbe."
Er macht FKK. Aber sein Kopf liegt immer frei. Kein Wunder also, dass der höchste Punkt an seinem Körper schneller Farbe annimmt als der Rest.
Ich streiche darüber und mir fällt ein:

Schon das letzte Mal als er da war hatte ich ihm über den Kopf gestreichelt. Auch damals war das Gefühl bekannt. Doch heute ist es ganz eindeutig.
Es fühlt sich an wie....
gespannte Haut.

Wie mein Köpfchen, wenn sich genau so rot und prall die Haut darüber spannt.
Nicht ganz so haarig, nicht so stopplig. Aber doch wie Montag Nachts. Fast noch so wie am Dienstag Morgen, als der alte Schmerz aufkam. Der Schmerz beim Waschen, vom Abend davor, der durch die Nesseln, deren feine Härchen direkt unter die Haut gedrungen war.

Wenn ich es mir recht überlege ist es genau das selbe Gefühl.
Gedanklich streichen meine Finger nochmal darüber. Ich fühle es an den Fingern, sonst fühle ich nichts. Am Montag berührte ich SEIN Köpfchen, betasteten auch hier meine Finger die Haut und ebenso wie gerade eben fühlte ich außer an den Fingern nichts.

Taubheit...
Interessant, dass nichts zu Fühlen einem mehr Vergleiche bietet als wenn man im Besitz all seiner Sinne ist.

"Bei dir ist halb offen" flüstert Rose mir zu.
Die Jeans sitzt gut. Das Hosenbein ist knapp bemessen. Wenn ER sich da rein legt ist die Beule zu sehen.
Ich stehe direkt bei Rose, knapp vor Rolf. Beide sitzen und die Beule ist benah in Augenhöhe.
Schnell schaue ich zu Rolf. Der schaut nicht zu mir. Dann schaue ich nach unten, dort ist nur die normale Beule zu finden.
Doch der Reissverschluss steht halb offen, der Schlitz beult sich auf. Darunter ist vom IHM nichts, sondern nur Haut zu sehen. Das sollte reichen um Rolf mitzuteilen, der Typ neben ihm trägt kein Höschen. Und ist ebenfalls kahl.
Ein zweiter Blick wohin Rolf schaut, dann der Griff an den Schritt - ratsch, zu.
'Hähä... Rolf!' Chance vorbei.


Vom Rosenzüchtling