Freitag, 2. Oktober 2015

Abgefahren

"Hier ist dein Wagen" zeige ich auf die Nummer Vier.
"Danke. Tschüß", das war's.
Das Kid steigt ein. Geht einfach so. Dreht nicht einmal den Kopf.

Ich hatte mir den Abschied nicht vorstellen wollen.
Aber so einfach, so schnell? Das war's?

Vor Zwei Minuten noch bevor der Zug einfuhr hatte ich es in meinem Arm.
"Mache es gut. Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Pass auf dich auf.
Und mach keinen Scheiß."
Tausende Dinge rasen durch meinen Kopf.
Schelmereien, Ratschläge, Weisheit für sein Leben. Aber zuerst fehlen die Worte.
Dann, als sie da sind, weiß ich es ist besser:
'Schnauze, lass ihn gehen'
Er wird lernen sein Leben zu Leben.

Zehn Sekunden Abschied. Fünf Sekunden Umarmung. Das war alles. Nun ist er weg.

Ich schaue durchs Fenster. Sein Platz ist gegenüber. Schon jetzt fühle ich die Distanz.
Der Abschied ist vorbei. Was soll jetzt noch kommen?
Ein kurzer Pfiff. Der Zug fährt an.
Winken? Wir haben uns schon verabschiedet.
Spätestens als er den Wagen betrat hatte er sich von uns gelöst.
Der da drin sitzt, das Kind von uns.
Nie wieder wird er so sein wie jetzt.

Er zieht in die Ferne.
Hunderte Kilometer werden zwischen uns liegen.
Und kaum eine Möglichkeit kurz mal zu kommen.
Wann sehen wir ihn wieder? Drei? Sechs Wochen?

Der Zug ist weg.
Mit ihm unser Kid. Wir drehen uns ab und gehen.
Eine Stunde Heimfahrt. Fast eine Stunde schweigen. Wir reden nicht darüber. Jeder hat seine Gedanken. Jeder seine Ängste. Keiner will sie teilen.
Was, wenn Rose daran nicht gedacht, wenn ihre Sorgen wachsen wenn sie von meinen erfährt?
Wir wollen uns schützen. Jeder den anderen. Darum bleibt jeder für sich. Jeder mit ungeteilten Gedanken.
Es wird dauern bis das Kid sich meldet.
"Samstag vielleicht, eher Sonntag" sage ich zu Rose.
"Damit rechne ich auch."


Das Haus wird leerer. Ein Zimmer mehr frei.


Vom Rosenzüchtling

Dienstag, 29. September 2015

Entwicklungen

Die Welt dreht sich, Zeit vergeht.
Alles wir älter, ist gar nicht schlimm.
So manch eine Bindung bricht auseinander oder besteht irgendwann nicht mehr so fort.

Kinder.
Sie werden flügge. Sie verlassen das Nest.
Es war zu erwarten -sogar erhofft- dass es irgendwann mal dazu kommt.
Jetzt ist er da.
Der Moment an dem das Zweite unser Haus verlässt.
Für wie lange wissen wir noch nicht.
Jetzt zu Beginn erst für ein Jahr.
Was kommt dann?

Ich meine, wie wird es bei Rose und mir weiter gehen.
Wir haben Jobs und ein großes Haus.
Noch immer wohnt eines der Kids mit bei uns.
Doch auch der Blues zieht bei uns ein.
Die Melancholie ist längst schon im Haus.

Die letzten Wochen kreisten die Gedanken herum. Bei allem was man tut denkt man daran: 'das ist das letzte Mal mit dem Middle-Kid.'
Die letzte Feier, der letzte Monat. Die letzte Woche, das Wochenende. Der letzte Film den wir mit ihm schauen.
'Ein letztes Mal streiten? Ach lass ihn doch.'
Ihn trifft es noch Schlimmer. Er weiß überhaupt nicht was auf ihn zukommt.

Wie viele Sachen? Und was für Sachen?
Was wird er brauchen? Wieviel Freizeit wird er anfangs haben? Wie die Wochenenden dort verbringen? Kann ich dort Klamotten waschen?
Vier Wochen wenn nicht sogar Sechs wird es dauern bis wir ihn das nächste Mal sehen.

Die Stimmung ist angespannt traurig.
Keiner freut sich so richtig. Alles wartet ab.
Es schlägt sich auf den kompletten Alltag nieder.
Die Familie fließt auseinander.
Kinder ziehen aus.

Noch ein Tag bis zum Monatsende. Früh am Ersten geht es los.


Vom Rosenzüchtling