Donnerstag, 4. September 2014

Renelohna

"Ist Junior schon weg" fragt Rose bei mir nach.
Kurz nach Elf erhielten wir das erste Lebenszeichen von ihm. Wenig später erschien er in der Küche, machte sie Frühstück und verzehrte es zusammen mit einem Film.
Als ich nach einer Weile ins Wohnzimmer kam war die Kiste aus und vom Kid nichts zu sehen.
Nun, eine Stunde später fragt Rose nach ihm.

"Keine Ahnung" antwort ich.
Es ist Viertel vor Drei. Das Kid wollte doch fort.
"Kannst du ihn bitte fragen, wann er die Kommode lackieren will?"
So erfahren wir ob er da ist ohne dass er sich kontrolliert fühlen wird.
"Ja, äh ne. Heute nicht. Ich gehe doch jetzt."
Haben wir ihn aufgeschreckt? Flucht vor der Arbeit? Nicht wirklich, er geht zur Tante. Von ihr wird er für die Arbeit bezahlt.

"RZ ich brauch dich. Quatsch, subbi komm her" hallt Minuten später ein Ruf durch das Haus.
"Du bist noch nicht ausgezogen" wundert sich Rose. "So eine Chance lässt du dir sonst nicht entgehen."
"Ja Lady" bestätige ich, "aber nachdem das Kid#3 keine halbe Minute später wieder ins Haus zurück kam war mir das erst mal zu riskant."
Wie zur Bestätigung klingelt es bei uns.
"Siehst du!"
"Hallo. Ein Paket für sie" steht die Post vor der Tür.

"Wer war denn das?"
"Post. Paket für mich."
"Musst du mir jeden meiner Postschnuckies abspännstig machen? Wer war es denn? Der Blonde?"
"Äh nein. Die ältere Frau."
Wenn Rose jetzt aus dem Fenster schaut kann sie sie sehen.
"Oh, die hört sich inzwischen an wie ein Mann."
Wie hätte die Postbotin wohl reagiert, hätte ich das Paket nackt entgegen genommen. Und wie hätte meine Lady reagiert, wenn ich so ihrem Schnuckelchen gegenüber gestanden wäre?
'Jetzt ziehe ich mich aus' und mache den Gürtel gleich wieder zu. Was ist mit der Rute? Die schönsten Haselnusstriebe wachsen im Vorgarten. Ich muss nur einen davon ernten. Angezogen geht es hinaus in den Garten, nehme ich die Schere aus der Ablage und laufe außen am Haus entlang nach vorn. Auf dem ausgelegten Weg zwischen den Walderdbeeren hindurch zum Haselnussstrauch. Dort suche ich einen langen, gerade Trieb. Gar nicht so einfach. Hatte meine Lady im Frühjahr Dutzende davon stehen gelassen, so dass nun Einen schöner als die Andere nebeneinander wächst. Was bevorzugt meine Herrin eigentlich? Das frische grüne Ende? Eher den älteren dicken Teil?
Schnapp
Das Teil ist gut drei Meter lang. Blätter? Lasse ich dran. Wohin? Meine Lady muss ja nicht gleich sehen, dass ich begierig darauf warte "justiert" zu werden. Auf dem Weg hinter das Haus kommt mir die geniale Idee: 'Wirf es auf den Balkon.' Von dort kann ich es irgendwo im Haus deponieren wo es die Lady sofort erblickt wenn sie soweit ist.
Der erste Versuch scheitert kläglich. Das Balkongeländer ist gut vier Meter über mir. Dort die flexible Rute darüber zu werfen ohne die Blätter dabei abzubrechen funktioniert nicht.
Den zweiten Versuch, das Blätterdings vorwärts durch den Spalt zu schieben ist auch zum Misslingen verurteilt. Die Blätter sperren sich wenn sie gegen eine Kante stoßen.
'Wenn überhaupt Paul, dann anders herum!'
Mit einem Schritt zurück trete ich von unter dem Balkon hervor, drehe mich leicht, greife die Rute am dünneren Ende
... und lege sie sorgfältig am Rand der Terrasse ab.

Was mache ich hier? Warum versucht jemand eine Rute, drei Meter lang, bolzengerade, mit Blättern begrünt auf den Balkon seines Hauses zu bekommen? Auf den Balkon hinter dessen Türe sich das Schlafzimmer befindet? Ich bin mir sicher, dafür gibt es nicht viel mehr als nur die eine, die wahre Erklärung. Mir fällt zumindest nichts ein. Gerade mir, der ich doch sonst nicht so unflexibel bin, was Gründe und Ausflüchte angeht.
Vom Renovieren liegt noch Werkzeug herum. Den Akkuschrauber brauche ich nicht mehr. Die alten Griffe der Türen können auch schon weg. Ordentlich räume ich alles zusammen und trage es ins Haus. Ein letzter Blick: Ist alles weg?
Nein.
Noch immer steht die Nachbarin hinter dem Fenster und schaut. Leicht versetzt hinter der Wand, nur den Kopf ums Eck gedreht beobachtet sie mich. 'Ach, ich könnte mich selbst...' Warum muss ich auch mit drei Meter Grün auf die Terrasse stellen in die Nachbarschaft winken?
Ob sie was ahnt? Sicher nicht. Eher: jetzt weiß sie Bescheid! Längst schon geahnt, was sich hinter den Mauern verbirgt und jetzt gesehen. Für wen welches Ende der Rute ist kann sich jeder denken, der uns kennt.
'Wie ist das bei ihr? Wie lieben Hanna und ihr Mann? Roses entfernte Verwandtschaft? Deren Mann nur leicht beschürzt seine Küchenabfälle zur Biotonne bringt, der Wäsche aufhängt und vieles im Haushalt macht.
Was man sieht ist nicht was wirklich ist. Man interpretiert wie man es aus seinen eigenen Erfahrungen kennt. Aus Büchern, Film oder selber erlebt.

Aber bitte, wie viele Möglichkeiten gibt es mit Haselnussruten?
Wie viele davon im Garten?
Und wie viel mit EINER Einzelnen im Haus?

Vom Rosenzüchtling

Kommentare:

  1. Wunderbar. Ja wohin mit dem Haselnussast? Wohlgekannt das Thema; Immerhin, wenn er so lang ist……… quer über Eck auf’s Geländer vom Balkon und eine Indianderdecke über das entstandene Dreieck; isn Zelt. Es könnten ja kleine Kinder kommen, oder die Decke ist eben mal gewaschen worden.
    Als nächstes alle paar Tage (so mache ich es meist) einfach mal einen Ast abschneiden, ablegen auf die Terrasse werfen oder den Balkon, einfach nur so und ihn liegen lassen, wieder wegräumen das verwirrt die Nachbarin und desinteressiert irgendwann. Zum Basteln oder so.

    Übrigens hattest du es da neulich von einem Akkubohrschrauber und weil doch bei uns kleine und große Veränderungen im Haus anstehen und mein Rolle dabei …egal. Meine Madame sagt, frag doch mal was RZ für einen Akkubohrschrauber verwendet, der weiß was gut ist, technisch. Sie will nämlich auch einen neuen kaufen - für mich. Also hast du eine Empfehlung für einen guten Akkuborhrschrauber, nicht zu teuer freilich? (falls zu sehr offtopic hier gerne auch per pn) achatz

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    1. Hallo achatz,
      danke für deine Anregungen. Rose hat sich seeehr gefreut.
      Ob unsere Nachbarin uns das mit dem Indianerversteck abnimmt...
      Unsere Kids spielen kein Indianer mehr und ich habe Bedenken, Renelohna bezieht die anstehenden Marterungen wieder auf mich.

      Dennoch, die Idee mit täglichen Transporten vom eigentlichen Schmuggeln abzulenken hat was. Es muss bei allem einfach nur Routine eintreten, damit das Besondere nicht mehr als solches zu erkennen ist.
      Ich weiß nicht, ob Rose gestern schon damit angefangen hat. Nach der Ernte von vielen Ruten lief sie mit einem armdicken Bündel auf die Terrasse um...
      Wo sind die eigentlich abgeblieben? Keine von ihnen hat mich geküsst. Muss mal im Garten schauen ob da bereits ein Tippi steht.

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